PowerPoint tötet Argumente – Warum wir wieder schreiben lernen müssen
Eines meiner prägendsten Erlebnisse in der Arbeitswelt hatte ich ganz zu Beginn meines Volontariats: die PowerPoint-Präsentation.
Präsentationen sind so ein typisches Unternehmens-Ding. Als Schüler, als Student hatte ich damit kaum Berührungspunkte. Im Philosophie-Studium gab es natürlich auch Referate, aber ohne Präsentation. Wir haben Handouts mit einem hohen Fließtextanteil erstellt. Die Informationen zum gewählten Thema waren übersichtlich zusammengestellt, keine großartige grafische Aufarbeitung — und dadurch, wenn das Referat gut war, auch gut zum Lernen geeignet.
Die Präsentation dagegen ist mir ein Graus — und trotzdem in Unternehmen weit verbreitet. Ich konnte lange nicht so richtig in Worte fassen, was mich daran stört. Vor ein paar Jahren hatte ich dann aber ein Erlebnis, das mir klar machte, warum ich Präsentationen schlecht finde.
Ich habe an einer Kommunikationsstrategie geschrieben. Ich wollte damit herausstellen, wo unsere Stärken und Schwächen liegen, welche Maßnahmen ich aus welchen Gründen empfehle. Dazu nutze ich am liebsten Fließtext, weil sich nur so Argumente ausbreiten lassen, Vor- und Nachteile abwägen lassen und bei Bedarf Details herausarbeiten lassen.
Ich bekam zur Antwort, ich solle meinen Entwurf in ein „lesbares Format” — eine Präsentation — überführen.
Also habe ich mich noch einmal hingesetzt und alle Elemente in ein PowerPoint-Template gebastelt. Ich war dabei mehr mit dem Design, dem Überführen von Argumenten in Bullet Points, dem Hin- und Herschieben von Folien und dem Aussuchen von grafischen Elementen beschäftigt als mit dem eigentlichen Inhalt. Am Ende kam eine mehrseitige Präsentation heraus, bei der ein Großteil der argumentativen Tiefe fehlte — und die ohne Vortrag überhaupt nicht funktionieren konnte.
Das ist überhaupt ein Punkt: Präsentationen sind zum Präsentieren da, werden aber oft per Mail verschickt zum Durchklicken. Wie viele Informationen bleiben beim Rezipienten hängen? Warum muss jedes Argument, das man in zwei, drei Absätzen erklären könnte, in eine zehnseitige Präsentation gequetscht werden?
Und noch ein weiterer Aspekt: Präsentationen können von Künstlicher Intelligenz nicht gut gelesen werden — im Gegensatz zu einfachem Fließtext. Wenn Unternehmen ihre Informationen in Präsentationen „verstecken” und dadurch auch inhaltlich eindampfen, geht unglaublich viel Wissen verloren. Wissen, das man mit KI durchsuchbar machen könnte.
Zu diesem Thema gibt es ein wunderbares Buch von Edward R. Tufte: The Cognitive Style of PowerPoint. Er analysiert, warum in Präsentationen Informationen verloren gehen.
Ein paar Beispiele:
Durch die typischen Bullet Points werden kritische Annahmen und kausale Zusammenhänge oft versteckt oder gehen unter. Es fehlt ein Narrativ, das auch auf Details eingeht und den Kontext verdeutlicht.
Die Sprache wird durch die Kürze der Folien oft vage und ungenau. Ein Bullet Point muss prägnant sein — also lässt man die Komplexität raus und kondensiert den Inhalt auf das vermeintlich Wesentliche. Folien werden dadurch gerne zum Marketing-Instrument ohne inhaltliche Tiefe.
Das Arbeiten mit KI wird diese Entwicklung vielleicht eindämmen. KI kann mit einfachem Text besser arbeiten als mit grafischen Elementen. Wenn wir irgendwann wieder dazu übergehen, Argumente und Strategien in Textform aufzuschreiben, hätte das auch einen weiteren Nebeneffekt: Beim Schreiben von Texten müssen wir uns notgedrungen viel intensiver mit unseren Inhalten auseinandersetzen — und können weniger in grafischen Elementen verstecken.